Sitze am Drehteil: Spiel, Übergang oder Pressung?
Lagersitz, Gleitsitz oder Presssitz: wie Sie die Funktion einordnen und auf der Zeichnung angeben, ohne Tabellenwerte und mit Normbezug.
Spiel, Übergang, Pressung: die Systematik
Ein Sitz ist die Paarung zweier Teile über einen gemeinsamen Durchmesser. Die Zeichnung muss sagen, welche Art von Sitz gemeint ist.
Bei einem Spielsitz bleibt zwischen Welle und Bohrung immer Luft, die Teile gleiten oder lassen sich von Hand fügen. Beim Presssitz hat die Welle immer Übermaß gegenüber der Bohrung; gefügt wird mit Kraft oder Wärme. Der Übergangssitz kann beides ergeben, je nachdem, wie die beiden Teile im Rahmen ihrer Felder ausfallen.
Auf der Zeichnung trägt der Durchmesser dafür eine Toleranzklasse oder Abmaße; die Systematik der Klassen ordnet ISO 286-1. Fehlt beides, bleibt das Nennmaß allein: Es sagt, wie groß der Durchmesser sein soll, aber nicht, wie die Paarung wirken soll. Nennen Sie in der Anfrage zusätzlich die gewünschte Sitzart, wenn die Funktion nicht aus der Zeichnung hervorgeht. Das gilt besonders für Teile, die zu einem Gegenstück gehören, das nicht mitgeliefert wird: Dann kennt nur die Konstruktion das Gegenmaß.
Beide Seiten der Paarung müssen zueinander passen: Wird die Klasse der Welle nach einer anderen Logik gewählt als die der Bohrung am Gegenstück, entsteht eine andere Sitzart als gedacht. Deshalb gehört zu jedem Sitz die Frage, wer das Gegenstück zeichnet und ob dessen Klasse bekannt ist.
Gehört ein Sitz zu einer Bezugsachse, steht der Bezug an dem Durchmesser, auf den sich Lauf- und Lageangaben beziehen.
Welche Passung zu welcher Funktion passt
Die Auswahl folgt der Funktion, nicht der Gewohnheit. Die Zuordnung ist qualitativ und nennt keine Zahlen.
| Funktion am Drehteil | Sitzart | Worauf es ankommt |
|---|---|---|
| Gleitsitz, Drehführung | Spiel | Das Teil soll sich bewegen; zu enges Spiel klemmt, zu weites schlägt. |
| Zentrierung zweier Teile | enges Spiel bis Übergang | Die Teile sollen bei jeder Montage gleich zueinander sitzen. |
| Lagersitz | Übergang bis Pressung | Je nach Lastrichtung und Betrieb darf der Ring nicht wandern. |
| dauerhafte Verbindung | Pressung | Das Übermaß überträgt die Last; die Montage ist Teil der Planung. |
Für die Anfrage hilft ein Satz, der die Funktion benennt, zum Beispiel „Sitz auf dem linken Zapfen als Übergang, Gegenstück liegt vor“ oder „Gleitführung, Gegenstück wird mitgeschickt“. Liegt das Gegenstück bei, lässt sich die Paarung beurteilen; ohne Gegenstück bleibt sie eine Annahme. Die Angabe der Sitzart ersetzt nicht die Toleranzklasse, sie erklärt, wozu sie gewählt wurde.
Quelle: Lehrbücher der Maschinenelemente zur Passungsauswahl nach Funktion; die Angaben sind qualitativ und ersetzen keine Berechnung.
Was zu einem Sitz außer der Klasse gehört
Die Toleranzklasse ist die halbe Angabe. Ob ein Sitz in der Praxis funktioniert, hängt an vier weiteren Dingen, die in die Zeichnung gehören.
Form
Ein Durchmesser innerhalb seiner Klasse kann trotzdem oval oder konisch sein. Soll die Form eng begrenzt werden, steht dafür eine eigene Angabe.
Lauf
Sitzen zwei Lagerstellen auf einer Welle, begrenzt ein Rundlauf zu A–B, wie weit die Sitze zueinander versetzt sein dürfen.
Oberfläche
Ein Sitz fügt sich nur dann wie berechnet, wenn die Oberfläche zur Funktion passt. Ohne Angabe gilt dort keine Anforderung.
Einführung
Fase oder Radius am Sitzende und ein Freistich an der Anlage erleichtern das Fügen und vermeiden Kantenschäden.
Was heißt »Präzisionsdrehteil« in der Zeichnung?
Der Begriff ist nicht genormt. Wer Präzisionsdrehteile oder CNC-Präzisionsdrehteile bezieht, meint damit meist enge Sitze, Lauf- und Oberflächenangaben, aber keine Norm legt fest, ab wann ein Drehteil so heißt. Maßgeblich ist deshalb nicht das Etikett, sondern was die Zeichnung verlangt: die Toleranzklassen der Sitze, die Form- und Lageangaben und die Oberflächenangaben, jeweils mit Wert.
Für die Anfrage zählt deshalb, was die Zeichnung festlegt, nicht die Bezeichnung. Die Evotec GmbH prüft jede Zeichnung vor dem Angebot; fehlt ein Wert, den eine Bezeichnung nur andeutet, fragen wir nach, statt ihn zu unterstellen.
Sitz und Temperatur
Ein Sitz wird bei Raumtemperatur gemessen und gezeichnet, arbeitet aber bei der Betriebstemperatur. Dehnen sich zwei Teile aus unterschiedlichen Werkstoffen verschieden stark, öffnet oder schließt sich das Spiel. Wer einen Sitz knapp auslegt, sollte die Temperaturspanne in die Zeichnung oder in die Anfrage schreiben. Dasselbe gilt für Teile, die nach dem Fügen die Temperatur wechseln, etwa durch Wärme im Betrieb: Das Übermaß einer Pressung wächst oder schrumpft mit.
Häufige Fragen
Bei der Spielpassung bleibt immer Spiel, bei der Presspassung immer Übermaß; die Übergangspassung kann beides ergeben, je nachdem, wie die Teile innerhalb ihrer Felder ausfallen.
Der Begriff ist nicht genormt. Maßgeblich ist, was die Zeichnung festlegt: die Toleranzklassen der Sitze, Form- und Lageangaben und Oberflächenangaben.
Verfasst von der Evotec GmbH, Arnsberg · Stand 03.10.2026
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